Agile Coach – Was heißt das?

By am 15.06.2016 in Agile, Allgemein, Scrum

Der Begriff Agile Coach wird in verschiedenen Zusammenhängen unterschiedlich benutzt. Hier möchten wir erklären, was der Begriff für uns bedeutet.

Agile Coach listening

Ein Agile Coach (oder auf Deutsch „agiler Coach“) ist für uns eine Person, die Organisationen dabei unterstützt, anpassungsfähig und selbstlernend zu werden. Das Ergebnis der Arbeit eines agilen Coachs sind einerseits geänderte Prozesse in einer Organisation, und andererseits auch eine Organisation, die ihre Prozesse bei Bedarf selbstständig ändert. Dabei sind die Prozesse „nur“ ein von außen beobachtbarer Aspekt der Veränderung. In der Zusammenarbeit haben sich in der Regel auch die gelebten Werte, Glaubenssätze, Fähigkeiten und das Wissen der einzelnen Personen in der nun selbstlernenden Organisation geändert.

Agiler Coach vs. Unternehmensberater

Agile Coaching lässt sich gut von der klassischen strategischen Unternehmensberatung abgrenzen. Ein Berater löst typischerweise eine Aufgabe für seinen Kunden und übergibt ihm eine Lösung. Ein Coach unterstützt einen Klienten dabei zu lernen, wie er seine Aufgabe selbst löst. Beide Dienstleistungen sind in unterschiedlichen Kontexten wertvoll.

Unser Kontext ist typischerweise die Struktur mit der die Arbeit in einer Organisation verrichtet wird. Hierzu gehören vor allem Rollen, Verantwortlichkeiten, Meetings und Zwischenergebnisse der einzelnen Personen und Gruppen. Für diesen Kontext ist Coaching aus unserer Sicht die sinnvollste und nachhaltigste Herangehensweise. Schließlich kann nur der Kunde langfristig die Verantwortung für seinen eigenen Prozess tragen.

Das macht es für einen Außenstehenden unmöglich, die „richtige“ Lösung vorzuschlagen. Viel wichtiger als die „richtige“ Lösung für den einen Moment ist die kontinuierliche Anpassung der Prozesse an sich ändernde Bedürfnisse. In allen uns bekannten Organisationen ändern sich die Gegebenheiten signifikant auf monatlicher, wöchentlicher und manchmal täglicher Basis. Ein Vorschlag für Prozesse, auch wenn er heute die beste Lösung darstellt, ist deshalb schnell veraltet. Und so ist es am nachhaltigsten, wenn eine Organisation lernt bei eigenen Prozessveränderungen sicherzustellen, dass diese dem eigenen langfristigen Erfolg dienen.

Was bedeutet der Begriff „Agile“?

Was versteht man hinter dem Adjektiv „Agile“ oder agil in diesem Zusammenhang? Das Wort agil wird in der deutschen Sprache eher selten verwenden, genau so wie das Wort „agile“ im der englischen Sprache. Es hilft sich die Entstehungsgeschichte anzuschauen, um besser zu verstehen, was damals gemeint war. In 2001 in Snowbird in US-Bundesstaat Utah, wo das Agile Manifest geschrieben wurde und der Begriff „Agile Software Development“ zum ersten mal benutzt wurde, standen zunächst mehrere andere Begriffe zu Auswahl. Dabei waren unter anderem adaptiv („adaptive“) und flexibel („flexible“).

Laut Craig Larman hätte „adaptive“ die Wahl fast gewonnen. Nur hatte einer der Teilnehmer – Jim Highsmith – ein Framework das hieß „Adaptive Software Development“ und dazu hatte er eine Firma, die so hieß etc. Es war aber wichtig ein Wort zu finden, welches alle dort versammelten Werkzeuge und Ansätze (Scrum, Extreme Programming, Crystal, Clean Code und weitere) zusammenfassen konnte.

Mit Agile ist also gemeint, dass die Entwicklungarbeit flexibel und adaptiv an die sich ändernde Umgebung ist. Ein Agile Coach ist also jemand der ein Unternehmen darin unterstützt die Organisation flexibler und adaptiver zu machen.

Was tun wir als Agile Coaches?

Reflektieren oder Spiegeln

Ein Coach beobachtet und reflektiert seinem Klienten solche Beobachtungen, die ihm dabei helfen können bewusster zu werden. Im agilen Kontext braucht diese Fähigkeit vor allem praktische Erfahrung in vielen verschiedenen Organisationen. Das hilft die Prinzipien hinter der Agilität nicht nur in der Theorie zu kennen, sondern auch in der Realität deren (Nicht-)Anwendung zu erkennen und das Gesehene wertschätzend zu kommunizieren. Reflektion ist ein kontinuierlicher Teil von agilem Coaching. Am Anfang einer Zusammenarbeit bietet sich in der Regel die Gelegenheit für eine explizite Zeit der Beobachtung und Reflektion. Dies generiert einerseits eine Menge Wert und hilft gleichzeitig dem Coach und der Organisation einander kennen zu lernen und mögliche weitere Schritte zu definieren. Wir nennen dies Schulterblick (oder Agile Assessment).

Training

Wenn es für den Klienten hilfreich ist, nimmt ein Agile Coach die Rolle des Trainers ein, um Inhalte interaktiv zu vermitteln. Einige typische Themen solcher Trainings sind Agilität, Produkt Owner, Scrum Master, Kommunikation oder die Scrum in großen Organisationen.

Wir halten regelmäßig Trainings unter anderem zur Scrum Master Zertifizierung und Product Owner Zertifizierung ab. Trainings sind ein typischer Bestandteil einer agilen Transition.

Coaching

Wenn eine Organisation die ersten Schritte hin zur Agilität geht, bedeutet das in der Regel auch ein Loslassen der Führungspersonen – weniger direkte Anweisungen, mehr Entscheidungsraum für die Geführten. Dieses Loslassen ist kein passives Nichts-Machen und Beobachten. Im Gegenteil, weniger direkte Anweisungen bedeuten, dass die Führungsperson auf einer anderen Ebene anfängt mehr zu machen. Mehr Kontext und Rahmen klar machen und gestalten, mehr direkte Interaktionen fördern, mehr Fragen stellen etc. Das ist ein persönlicher Umstellungsprozess, bei dem die Unterstützung durch einen erfahrenen Coach sehr hilfreich sein kann.

Während die Führung lernt „am System“ zu arbeiten statt „im System“, gibt es für die Geführten typischerweise auch neue Herausforderungen. für sie geht es darum, für neue Bereiche Verantwortung zu übernehmen. Mit neuer Verantwortung kommen neue Möglichkeiten zu scheitern. Ein Coach hilft im bewussten Umgang mit den damit verbundenen Ängsten, so dass am Ende die eigenen (Lern-)Erfolge und die neuen Gestaltungsmöglichkeiten, die Ängste überwiegen.

Coaching in Organisationsdesign und Struktur

In großen Organisationen bestimmt der Faktor – Organisationsstruktur – die Adaptivität stärker als alle anderen Faktoren. Organisationsstruktur bedeutet hier: Hierarchien, Rollen- und Teamdefinitionen und damit zusammenhängende Verantwortungsstrukturen, Gehaltsstrukturen und Anreizsysteme, Budgetplanungsprozesse etc.

In kleinen Organisationen können mögliche Dysfunktionen, die aufgrund von nicht durchdachter Struktur entstehen, schnell in persönlichen Gesprächen behoben werden. Schließlich kennen sich die meisten Mitarbeiter noch und es gibt eine persönliche informelle Verbindung zwischen den verschiedensten Hierarchieebenen. Das verändert sich mit der Größe der Organisation.

Hier hilft ein Agile Coach seinem Clienten dabei:

  • die Auswirkungen des aktuellen Organisationsdesigns auf die Ziele des Kunden zu verstehen
  • sich bewusst Ziele zu setzen
  • mögliche Änderungen des Organisationsdesign zu durchdenken und als Experiment zu gestalten
  • diese Experimente auszuführen und daraus zu lernen

Auf diese Weise entsteht ein Lernzyklus in der Führungsebene in Bezug auf die Veränderungen in der Organisationsstruktur und deren Auswirklungen.

Mentoring

Manchmal ist es für unsere Klienten wertvoll, dass wir für eine begrenzte Zeit als Mentoren oder Rollenmodelle tätig werden. Als Rollenmodell moderieren wir beispielsweise eine erste Retrospektive, um einem neuen Scrum Master einen lebendigen Eindruck davon zu vermitteln, wie man eine Retrospektive moderiert. Wenn gewünscht, unterstützen wir bei Bedarf auch mit Vorschlägen, um Klienten neue Optionen zu eröffnen. Die Entscheidung eine Option zu erproben, verbleibt aber jederzeit beim Klienten.

Als Mentoren sind wir zum Beispiel dann tätig, wenn wir eine Person bei ihrer Arbeit beobachten und ihr dann konkrete Verbesserungsvorschläge präsentieren und mit ihr diskutieren. Diese Rolle macht vor allem am Anfang einer Zusammenarbeit Sinn und sollte im Verlauf einer agilen Transition in den Hintergrund treten.

Facilitation

Das Finden von Lösungen, eine klare Kommunikation, das Treffen gemeinsamer Entscheidungen sind häufig Herausforderungen in Organisationen. Das wird nicht leichter für diejenigen, die sich in einem Wandel befinden. Wir helfen als erfahrene Facilitatoren, um auch schwierige und komplizierte Probleme schnell in Gruppen zu lösen.

Gerade am Anfang einer agilen Transition ist es nicht ungewöhnlich, dass die Führungsebene in Workshops verschiedenen Entscheidungen treffen möchte, um die beginnende Maßnahme aufzusetzen.

Agiler Coach oder Scrum Master

In Scrum gibt es eine explizite Rolle für einen Agile Coach. Dieser heißt in diesem Rahmenwerk Scrum Master. Wir haben in einem sehr ausführlichen Blog-Beitrag über den Scrum Master geschrieben. Dort findet man die verschiedenen Eigenschaften, Fähigkeiten und Tätigkeiten eines Scrum Masters beschrieben und mit typischen Beispielen aus dem Arbeitsleben plastisch erklärt. Alles dort geschriebene gilt auch für einen Agile Coach.

Heute beobachten wir häufig, dass als Scrum Master oft Menschen bezeichnet werden, die mit einem oder wenigen Entwicklungsteams direkt zusammenarbeiten. Als Agile Coaches werden dann ihre erfahreneren Kollegen bezeichnet, die mit dem Management arbeiten, Trainings geben etc. Natürlich ist es verständlich, dass sensiblere Aufgaben von erfahreneren Kollegen übernommen werden. Grundsätzlich gehört die Arbeit mit dem Management auch zur Rolle des Scrum Masters. Und ein großartiger Scrum Master versteht viel mehr als nur Scrum.

Scrum Coach oder Agile Coach

Für uns bedeutet der Begriff Scrum Coach deshalb einen Agile Coach, der sich auf die Einführung und Unterstützung von Organisationen in Scrum spezialisiert hat. Genau wie ein guter Scrum Master sollte auch diese Person ihr Wissen nicht nur auf Scrum beschränken. Typischerweise berät ein Scrum Coach ein Unternehmen auch in Organisationsdesign, da die Einführung von Scrum auch fast immer mit einer Veränderung der Organisationsstruktur einher geht.

Wie wird man Agile Coach?

Zu dieser Frage haben wir einen neueren Blogbeitrag mit dem Titel: Agile Coach Ausbildung geschrieben.

Uns ist kein „Standardweg“ bekannt, um ein agiler Coach zu werden. Viele starten als Entwickler, einige sind Organisationscoaches und andere wiederum sind zuerst Manager. Wir planen demnächst etwas über unsere eigenen Pfade zum Agile Coach zu erzählen.

Ein erster Schritt ist häufig sich formal mit Agilität und Scrum zu beschäftigen. Sehen Sie dazu unsere Trainings, insbesondere das Training für die Scrum Master Zertifizierung. Hier vermitteln wir das grundlegende Wissen und die Grundlagen vieler oben aufgeführter Fertigkeiten.

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